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Wandel und Verfall der deutschen Sprache sind zwei unterschiedliche Dinge

Erst am Wochenende fand die Jahrestagung des Instituts für Deutsche Sprache (IDS) statt. In einem Artikel der „Welt“ berichtete Dankwart Guratzsch über die Faszination der Wissenschaftler und den Verlust für die Einzelbürger.

Auf der Jahrestagung des IDS wurden neue sprachliche Entwicklungen analysiert. Die 17. Tagung fand in Mannheim im Institut für Sprache statt. Schwerpunkt der Gesprächsforschung stellte die sogenannte Prosodie dar. Das Institut kündigte 70 Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler aus Deutschland, Österreich, der Schweiz, Finnland, Frankreich und Großbritannien an. Sie diskutierten darüber, was Prosodie (sprachwissenschaftlich: die Gliederung der Rede in bedeutsame sprachlich-artikulatorische Erscheinungen wie Akzent, Intonation, Pausen etc.) konkret bedeutet und welche Funktionen und Folgen sie bei Interaktionen haben kann.

Erst vor ca. drei Wochen hatte das Institut den Bericht zur Lage der deutschen Sprache publiziert. Gemäß den Autoren sei die Entwicklung des Gegenwartsdeutsch sehr lebhaft. Heute gebe es mehr Wörter als noch zu Goethes Zeiten. Im Gegensatz dazu gestalte sich die Grammatik immer einfacher. Ein weiterer Wandel, der zu beobachten sei, ist die zunehmende Verschmelzung von Anglizismen mit der deutschen Sprache.

Weltautor Guratzsch berichtet, dass Sprachwissenschaftler schon immer bestätigt hätten, dass Sprachwandel auch Verlust bedinge. Stillstand hingegen impliziere den Tod von Sprache. Die Frage, ob Jugendliche in 50 Jahren Goethe überhaupt noch verstehen würden, hätten Sprachwissenschaftler im Moment nicht auf dem Schirm. Unter der Jugend bestimme derzeit die Faszination durch Technik den Sprachwandel. Keine Generation habe bis jetzt so viele Möglichkeiten gehabt, Sprache zu entdecken, wie die Jetzige. Durchsuche man beispielsweise eine Zeitung auf die „falsche“ Wortbildung „schwörte“ (richtig: schwor), ließen „sich feinste Schwankungen mundartlicher oder modediktierter Varietäten in Sekundenschnelle mit Beispielen belegen“.

Viele Änderungen, die schon vor Jahrhunderten als Sprachverfall tituliert worden wären, seien nie eingetreten. Ein Beispiel dafür sei der Dativ auf „wegen“. Der Direktor des IDS’s Ludwig M. Eichinger bemerkte, dass diese gemutmaßte Entwicklung ins Stocken geraten sei – vermutlich ist sogar ein Rückwärtstrend zu beobachten. Eine Untersuchung hätte ergeben, dass 25.669 „wegen des“ nur 2266 „wegen dem“ gegenüber stehen. Der Direktor vermutet, dass „wegen dem“ zwar umgangssprachlich gebraucht werde, es aber immer noch klar sei, dass diese Konstruktion grammatikalisch falsch ist. Solche Entwicklungen seien auch für andere Konstruktionen erkennbar.

Auch beim Thema Anglizismen sei ein Wachstum schon lange Geschichte. Der Wissenschaftler Marc Kupietz vom IDS kündigte für Anglizismen einen „Abwärtstrend“ an. Seit 1995 habe sich deren Anzahl im Deutschen zwar verdoppelt, ein großes Wachstum sei dahingehend heute aber nicht mehr zu erkennen.

Laut Guratzsch würden Wissenschaftler in der Bedeutung von Region und Medium einen größeren Einflussfaktor sehen. Die Bedeutung von Regionen habe in der Sprachverwendung zugenommen. Standen vor einigen Jahrhunderten noch „externe Faktoren“ wie Religion und staatliche Zugehörigkeit im Mittelpunkt, haben sich diese heute eher verschoben. Die Grenzen hätten sich nicht wie zuvor vermutet aufgelöst, sondern sogar vertieft. Heute könne man nicht mehr von Dialekten sprechen, sondern von „Regiolekten“.

 

Welche Wörter seit 1990 jährlich die bedeutendsten Ereignisse zusammenfassen, könnt ihr in der unten angegebenen Liste sehen:

1990: „Die neuen Bundesländer“

1991: „Besserwessi“

1992: „Politikverdrossenheit“

1993: „Sozialabbau“

1994: „Superwahljahr“

1995: „Multimedia“

1996: „Sparpaket“

1997: „Reformstau“

1998: „Rot-Grün“

1999: „Millennium“

2000: „Schwarzgeldaffäre“

2001: „Der 11. September“

2002: „Teuro“

2003: „Das alte Europa“

2004: „Hartz IV“

2005: „Bundeskanzlerin“

2006: „Fanmeile“

2007: „Klimakatastrophe“

2008: „Finanzkrise“

2009: „Abwrackprämie“

2010: „Wutbürger“

2011: „Stresstest“

2012: „Rettungsroutine“

2013: ??? (Schon irgendwelche Vorahnungen?)

 

(Foto: Deutsch (c) Ich und du/pixelio.de)

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