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Interview: „Wir befinden uns in einer mentalen Pubertät“

Vom 3. bis zum 5. Juni ist es wieder soweit. Dann steigt in Berlin die Webinale :: the holistic web conference. Im Vorfeld sprach Prof. Dr. Pörksen in einem Interview über den menschlichen Entwicklungsstand des digitalen Zeitalters. Pörskens spricht am  4. Juni 2013 von 12:00 bis 12:30 Uhr als Keynote-Speaker zum Thema: „Der entfesselte Skandal. Das Ende der Kontrolle im digitalen Zeitalter“.

Bernhard Pörksen ist Professor für Medienwissenschaft an der Universität Tübingen und wurde 2008 als „Professor des Jahres“ ausgezeichnet. Sein 1998 gemeinsam mit dem Physiker und Philosophen Heinz von Foerster verfasster Bestseller „Wahrheit ist die Erfindung eines Lügners“ gilt heute als Klassiker des systemischen Denkens. 2012 erschien sein viel zitiertes Buch „Der entfesselte Skandal. Das Ende der Kontrolle im digitalen Zeitalter“.

Herr Prof. Dr. Pörksen, nimmt die Zahl der Skandale durch Twitter und Facebook zu?

Nicht nur das, wir bekommen durch die digitalen Medien eine völlig neue Dimension von Skandalen. Heute ist jeder Besitzer eines Smartphones oder einer Digitalkamera in der Lage, als Bildjournalist aktiv zu werden und Ereignisse in Echtzeit zu Skandalen werden zu lassen. Jeder ist aus kommunikationswissenschaftlicher Sicht zugleich Empfänger und Sender geworden. Ein Zehnjähriger kann im richtigen Moment auf den Auslöser drücken und über Facebook und Twitter eine Reichweite erlangen, die bereits ein schlechtes Schulessen zu einem bundesweit beachtenswerten Skandal werden lässt.

Halten Sie es denn jetzt für falsch, dass jeder von uns zum Sender geworden ist und Skandale heute eine größere Reichweite erzielen können?

Es ist nicht falsch, es wäre sogar grundrichtig. Das einzige Problem ist, dass wir dafür nicht bereit sind: Wir sind in einer Art mentalen Pubertät im Umgang mit den digitalen Medien. Wir alle treffen tagtäglich Entscheidungen, die früher den klassischen Journalisten vorbehalten waren: Welche Informationen sind glaubwürdig und relevant, welche nicht? Was gehört in die Öffentlichkeit, was nicht? Die vermehrte Selbstbestimmung überfordert uns.

Warum sind Skandale so interessant für das Publikum im Netz?

Zunächst einmal ist das Publikum im Netz ein Teil der heterogenen Gesellschaft. Je mehr die Gesellschaft in einzelne Fragmente zerfällt, desto mehr braucht sie den Skandal als Idee und Fiktion einer Einigung. Die Empörung über ein vermeintliches Fehlverhalten gibt uns das Gefühl, es gäbe eine gemeinsame Moral für uns alle.

Sie gehen in Ihren Thesen soweit zu sagen, jeder und alles ist skandalisierbar. Inwiefern?

Im Zeitalter der klassischen Medien handelte es sich bei Opfern von Skandalen meist um Politiker, Wirtschaftsbosse und Prominente. Mittlerweile aber gibt es viele Beispiele, die zeigen, dass auch gänzlich unbekannte, nicht prominente Personen in den Fokus der Aufmerksamkeit geraten. Es ist eine völlig neue Asymmetrie zwischen Anlass und Effekt, Ursache und Wirkung entstanden: Eine minimale Normverletzung kann heutzutage eine maximale Auswirkungen haben. Einziges Kriterium: Man braucht ein Publikum, das die Empörung eines Einzelnen teilt.

Haben Sie einen Ratschlag, wie man mit der Tendenz zum Kontrollverlust umgehen sollte?

Wir müssen uns vergegenwärtigen, dass wir permanent Spuren hinterlassen und dass im digitalen Zeitalter alles öffentlich werden kann. Ich habe mal einen Imperativ für das digitale Zeitalter formuliert: Handle stets so, dass dir die öffentlichen Effekte deines Handelns langfristig vertretbar erscheinen. Aber rechne damit, dass dies nichts nützt. Genau darin liegt die Schwierigkeit: Am Anfang kann man versuchen, alles zu steuern. Letztlich aber machen wir alle mit unseren Fotos, Filmchen, E-Mails und SMS im Großen wie im Kleinen die Erfahrung des Kontrollverlustes.

 

(Foto: Prof. Dr. Pörksen (c) Prof. Dr. Pörksen)

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